Sonntag, 23. Februar 2020

Die Isolation beginnt


Ich sitze gerade am Samstag morgen mit meinem frischen Kaffee im Wohnzimmer und da fällt mir auf, dass ich schon lange nichts mehr in meinem Blog veröffentlicht habe. Gestern hatten wir noch bestes Wetter und ursprünglich wollte ich einen Spaziergang machen. Spontan überkam mich allerdings die Müdigkeit, weil ich am selben Tag erst gegen 8 Uhr morgens vom Feiern zurück nach Hause kam. Heute morgen, ausgeschlafen kann der Tag wieder richtig beginnen. Es ist 9:30 Uhr und ich habe mir für heute viel Programm vorgenommen. Ich habe ca. 100 Seiten Briefe, Dokumente, etc. aus Deutschland mitgebracht, die ich jetzt sortieren und in meine Ordner abheften muss. Dazu kommen noch andere administrative Aufgaben in der Wohnung.
Gestern habe ich nach langem überlegen einen Wasserfilter für die Küche bestellt. Das ist ein Behälter, der das Wasser aus der Zuleitung reinigt und dann weiter an einen separaten Hahn speist. Irgendwie ist das Wasser hier einfach zu Chlorhaltig. Dazu kommen Rückstände von Altmetall, usw. In meinen Luftbefeuchtern setzt sich nach ein paar Tagen immer so eine Art Kristallboden ab, der sicherlich nicht natürlich ein kann. :D

Blick aus unserem Esszimmer auf den Central Business District

Ja... Wie haben wir die letzten Tage erlebt. Ich nach viel hin und her und etwas persönlicher Panik mit meiner Familie am 30.01 von Vietnam vorzeitig nach Beijing zurück geflogen. Die letzten Tage des Urlaubs waren von Stress, viel Diskussion und ein wenig Angst geprägt. Keine schöne Zeit zum genießen. Angekommen in Beijing kam uns die Berichterstattung vor als hätte man uns ein falsches Bild von China gezeigt. Es war bestes Wetter. Es war hell. Die Berichte auf Spiegel haben immer nur die fiesen, dunklen und versmoggten Bilder von China gezeigt, die bei uns eine Art Weltuntergangsscenario aufkommen lassen haben. Kurzerhand habe ich meinen Flug, der zur gleichen Zeit mit Sandra und Ruby am nächsten Tag abfliegen sollte storniert. Ich war mir für den Moment sicher, dass ich in China bleiben werde. So schlimm kann es doch nicht sein.
Als dann aber am nächsten Morgen die neusten Berichte über Infizierte, Tate und die nächsten Schritte veröffentlicht wurden hat mich Sandra umgestimmt. Isolation? Keine Produktion bei VW? All diese News haben uns dazu bewegt doch noch einen Flug für mich zu buchen. Also bin ich wieder an den Laptop und habe kurzfristig für den gleichen Tag einen Intercontinental Flug gebucht. Was für ein hin und her. Mittlerweile hat man ein Alter erreicht in dem man wirklich viele Probleme gelöst hat. Ein Alter in dem man oftmals einfach gelassener Themen angeht als vor 10 Jahren. Und trotzdem gibt es immer wieder Herausforderungen, die einen leicht überfordern. Was ist richtig, was ist falsch? Die Frage in dem Moment zu beantworten war gar nicht so einfach. Schlussendlich sind wir dann aber am gleichen Tag um 11:50 nach Deutschland geflogen. Ich habe immer damit gepokert, dass auch unser Unternehmen, anlog vieler Wettbewerber, die Produktion für die darauffolgende Woche stilllegt. Und so kam es dann auch. Mit etwas Glück und Überzeugung durfte ich dann die nächsten 2 Wochen von zu Hause bzw. dem Werk in Deutschland arbeiten bevor ich am 18.02 wieder in Beijing gelandet bin.
In dem Flieger habe ich dann die Personen gesehen, die ich sonst nur auf Fotos gesehen habe, die mir irgendjemand gezeigt hat. Menschen, die sich total vermummen wie mein Sitznachbar. Unter seiner Dräger Maske hatte er noch eine Maske, die ihm das Atmen sichtlich schwer gemacht haben. Dazu Handschuhe und Desinfektionsmittel... Aus der Sicht meiner Sichtnachbarin zur Linken und mir etwas übertrieben. Wir haben uns halb tot gelacht. :D

Mein Sitznachbar im Flieger von Moskau nach Beijing.

Die Welt hier dreht sich jetzt tatsächlich etwas anders. Es sind sehr wenig Menschen auf den Straßen. Viele Restaurants und Supermärkte haben zu. Gerade die kleinen, lokalen Geschäfte sind oftmals geschlossen. Ich frage mich dann immer wie die ohne Einnahmen überleben können...
Es war in den letzten Jahren wahrscheinlich noch nie so ruhig in der Stadt wie in der jetzigen Zeit. Alle sind verpflichtet Masken zu tragen und das macht auch wirklich jeder.
Egal welches Geschäft man betritt, man muss sich die Temperatur messen lassen. Wer erhöhte Temperatur hat muss getestet werden und das will keiner. Warum auch immer, meine Temperatur war meistens bei 35 Grad. Wahrscheinlich weil sie am Handgelenk oder an der Stirn gemessen haben während ich 5 Minuten durch die Kälte gelaufen bin. Ich weiss es nicht, bin kein Arzt.
In unserem Park Avenue Compound hat man 2 von 3 Eingängen geschlossen. Es gibt nur noch einen zentralen Eingang an dem alles überprüft wird und an dem auch Pakete auf Regale abgegeben werden können. In der Regel werden die Pakete in der Lobby jedes Hauses abgelegt, aber Fremde dürfen das Grundstück nicht mehr betreten. Man bedenke, dass viele Chinesen ohnehin schon Essen liefern lassen. Das habe ich jetzt auch gemacht und es war genial. Auf dem Handy im digitalen Supermarkt bestellt und liefern lassen ist die effizienteste Art des einkaufen. Obst war frisch und alles ist innerhalb 1,5 Stunden geliefert worden. Danke, dass ich dieses Privileg haben darf. :)
Etwas witziges ist mir noch auf dem Bild aufgefallen, der den Fahrstuhl in der Park Avenue zeigt. Vor und in dem Fahrstuhl gibt es extra Papiertücher, die man benutzen kann, um den Knopf zu drücken. Das ist hygienisch, das ist schon richtig. Der Stift mit dem sich alle mal in die Liste am Eingang eingetragen haben ist der Gleiche. Der Türgriff, den alle anfassen müssen ist immer der Gleiche. Es gibt wahrscheinlich dem ein oder anderen ein gutes Gefühl.

Regal für Warenlieferungen aller Art

Auf einmal ist alles einzeln verpackt...
Fahrstuhl Park Avenue

Da jetzt viele Kollegen ohne ihre Familien wieder zurück gereist sind hatten wir abends natürlich viel Zeit etwas zu unternehmen. Wir sind fast jetzt Tag losgezogen und haben bei irgendwem zu Hause gequatscht oder sind etwas essen gegangen.

Lobby Millennium Residences - Unterschrift und Temperatur 

Bei Erkan im Millennium am 19.02.20

Als ich am 22.02 nach der Party im El Barrilo nach Hause wollte sind wir noch für fünf weitere Stunden bei Erdal eingekehrt. Haben uns nett unterhalten und gegen 7:30am bin ich los nach Hause. Das Wetter war unglaublich gut. Kein Smog und die Sonne kam gerade durch die Wolken durch. Ich habe ich entschieden zu Fuß zu laufen und konnte einmal die Stille der Stadt genießen. Man muss immer bedenken, dass ich die Kreuzung auf dem zweiten Bild noch nie so menschenleer gesehen habe.

Blick aus Erdals Wohnung

Panorama Mercedes me und Sanlitun Village
Straße Richtung 3. Ring und Richtung Park Avenue

ins fehlt vielleicht noch. Bilder wie wir tatsächlich täglich rum gelaufen sind. Masken sind ein echtes Muss und ich habe meinem chinesischen Kollegen noch zusätzlich 450 Masken aus Deutschland mitgebracht. Hier in China sind sie gerade Mangelware und selbst in Deutschland explodieren gerade die Kosten.

Auf dem Weg zu Erkan 19.02.20
Im Fahrstuhl zu Erkan 19.02.20
Nach dem Abend im Q-Mex 21.02.20

1 Kommentar:

  1. Ohja...Die Isolation. Eigentlich hatte ich gerade einen tollen Urlaub im hotel bozen Umgebung (www.hotelrosengarten.it) geplant. Jetzt sitze ich hier mit meiner Familie und mache gefühlt jeden Tag einen Spieleabend und versuche so die Zeit rumzukriegen.

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